Tierforscher mit vielen Facetten

Von der Heimtierforschung über das heilpädagogische Reiten bis zur ärztlichen Betreuung von Zootieren: Die Interessen und Tätigkeiten von Professor Ewald Isenbügel sind breit gefächert. Im 2004 wurde der Extraordinarius für Erkrankungen der Heim-, Zoo- und Wildtiere an der Universität Zürich und langjährige Zürcher Zootierarzt emeritiert. -
von Roger Nickl
Stacks Image 0
Ewald Isenbügel und Nonni (Foto: Roger Nickl)

Er erzählt ruhig, aber nicht ohne inneres Feuer. Man spürt den guten Kommunikator und leidenschaftlichen Vermittler mit einem reichen Erfahrungsschatz. Ewald Isenbügel sitzt in seinem geräumigen Büro in der Kleintierklinik der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Zürich und lässt Stationen seiner bisherigen Karriere Revue passieren. Ein Leben, das geprägt wird und wurde durch den intensiven Kontakt zu Tieren, den er als Tierarzt und Forscher pflegt. Selbst in einer Umgebung, wo das Papier regiert, darf da natürlich ein Tier nicht fehlen: Der Islandspitz «Nonni» begleitet den Tierforscher zur täglichen Arbeit.
Stacks Image 1
Islandpferde (Foto: Ewald Isenbügel)

Seit gut 30 Jahren ist Ewald Isenbügel nun Tierarzt am Zürcher Zoo, seit 1989 ist der gebürtige Deutsche zudem Ausserordentlicher Professor und Vorsteher der Abteilung für die Erkrankungen der Heim-, Zoo- und Wildtiere an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Zürich. Einer Abteilung notabene, die unter seiner Federführung erst geschaffen wurde und die neben der Führung der Zootierklinik auf dem Irchel auch für die Betreuung der Wildtiere an der Universität verantwortlich ist. Neben dem Engagement als Praktiker und in der Lehre hat Isenbügel auch zahlreiche, für sein Fach wegweisende Forschungsarbeiten veröffentlicht. Darunter fällt etwa das erste deutschsprachige Buch über Heimtiererkrankungen. Sein Wissen hat der kulturinteressierte Veterinärmediziner und Pferdefachmann aber auch in ganz andere Projekte einfliessen lassen: So beteiligte er sich beispielsweise als Mitautor an der Realisation einer 12-teiligen Fernsehserie des ZDF zum Thema «Pferde und Reiterkulturen». In Bezug auf Pferde gilt Isenbügels Interesse besonders den Islandpferden, an deren weltweiter Verbreitung er massgeblich beteiligt war.
Stacks Image 2
Islandpferde (Foto: Ewald Isenbügel)


Ein neues Zoobild mitgeprägt

Die Tätigkeiten in Forschung und Lehre an der Universität und die Betreuung der Tiere des Zürcher Zoos, die rund 30 Prozent der Arbeitszeit in Anspruch nimmt, haben sich für Isenbügel nie gegenseitig behindert, sondern immer sinnvoll ergänzt. «Wenn es einen wissenschaftlich geführten Zoo und eine Veterinärmedizinische Fakultät in einer Stadt gibt, so müssen diese beiden Institutionen aufgrund ihres Forschungspotentials, aber auch von den therapeutischen Möglichkeiten her zusammenarbeiten», ist er überzeugt. In Zürich funktioniere diese Zusammenarbeit optimal. So sind unter Isenbügels Führung allein 12 Dissertationen, die sich von Fragen der Delfinhaltung bis zu Problemen der Fortpflanzungsbiologie bei Elefanten beschäftigen, in Kooperation mit dem Zoo entstanden. Ein Schwerpunkt des Engagement der Abteilung für die Erkrankungen der Heim-, Zoo- und Wildtieren im Zürcher Zoo ist neben der Tierbetreuung auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem relativ neuen Gebiet der Zootierernährung.
Stacks Image 3
Behandlung eines sibirischen Tigers im Zoo Zürich (Foto: zVg)

In der langen Zeit seiner Tätigkeit als Zootierarzt hat sich das Bild des Zoo grundlegend verändert. «Ich bin mit dem Weg, den viele wissenschaftlich geführten Zoos eingeschlagen haben sehr glücklich», betont Ewald Isenbügel, «denn der als reine Tierschau konzipierte zoologische Garten alter Prägung ist heute nicht mehr vertretbar.» Der Zoo habe heute nur noch eine Daseinsberechtigung als Naturschutzzentrum mit seinen vier Aufgaben: Erholungsraum, Information, Forschung in Verbindung mit gleichgearteten Projekten im Freiland und der Arche-Noah-Funktion der Arterhaltung. In Zürich nehmen die drei Pilotanlagen – die Wassergeflügel-, die Brillenbären- und die neue Himalajaanlage –, an deren Konzipierung Isenbügel mitgearbeitet hat, diese komplexen Anforderungen wahr. Sie erlauben die artgerechte Haltung der Tiere, ermöglichen ihnen ein grosses Spektrum von Verhaltensvielfalten und zeigen den Besuchern einen Auschnitt eines natürlichen Lebensraums. «Dieser neue Ansatz der Zoogestaltung kann helfen, die Leute für Tier- und Naturschutzanliegen zu sensibilisieren – eine Aufgabe, die der Zoo alter Prägung nicht zu leisten im Stande war», meint Isenbügel. Nicht allein das Bild des Zoos hat sich aber mit den Jahren verändert, sondern auch die Aufgabe des Zootierarztes. «Wurden Tiere früher etwa mit List oder Gewalt für eine Behandlung zugänglich gemacht, so werden sie heute oft mit dem Blasrohr narkotisiert», erzählt er. Eine Narkosetechnik, an deren Entwicklung und Perfektionierung der Uni-Professor intensiv gearbeitet hat.
Stacks Image 4
Beruf im Wandel: Ewald Isenbügel narkotisiert Zootiere oft mit dem Blasrohr (Foto: zVg)


Balance zwischen Verstand und Intuition

In seinem täglichen Umgang mit Tieren als Forscher, Arzt, aber auch als Pferdeliebhaber sucht Ewald Isenbügel die Balance zwischen Verstand und «Bauch». So ist er etwa überzeugt, dass die persönliche Ausstrahlung und die Intuition des Arztes auf den therapeutischen Erfolg bei seinen animalischen Patienten einen wesentlichen Anteil hat. Die emotionale Tier-Mensch-Beziehung interessiert ihn aber auch in umgekehrter Hinsicht. Isenbügel hat sich schon früh etwa im Zusammenhang mit dem heilpädagogischen Reiten für den Einsatz von Tieren als Ko-Therapeuten eingesetzt. «Es ist bekannt, dass der Kontakt mit Tieren zum Beispiel auf die Behandlung von Depressionspatienten einen positiven Einfluss hat», erklärt der vielseitig interessierte Tierforscher. Auch könne das Streicheln von Tieren einen erhöhten Puls senken. Isenbügel verschweigt aber nicht, dass die Tier-Mensch-Beziehung auch ihre heiklen Seiten hat. Dann beispielsweise, wenn Tiere als Kinderersatz zu stark vermenschlicht werden. Aufgrund solcher und anderer Auswüchse engagiert er sich in verschiedenen Tierschutzorganisationen.
Nun steht also Ende Sommersemester die Emeritierung bevor. Langweilig dürfte es dem Uni-Professor nach dem 31. August jedoch kaum werden. «Dem Zoo werde ich mit einem reduzierten Pensum als Tierarzt erhalten bleiben, auch werde ich weiterhin als kantonaler Kontrolltierarzt für die Belange der Zoo- und Wildtierexporte zuständig sein», erklärt Isenbügel. Für den Zoo will er zudem vermehrt in den Bereichen PR und Wissenschaftsberichterstattung aktiv werden. Auch eine Bilddatenbank will er für den Zürcher Zoo aufbauen. Eine Grundlage hierfür bildet seine eigene Tierbildersammlung, die rund 20‘000 Dias und Fotografien umfasst – ein imposanter Bilderreigen und gleichzeitig ein Zeugnis für das facettenreiche Leben eines Forschers, auf den die Tierwelt eine ungebrochene Faszination ausübt.

Roger Nickl ist Redaktor des unimagazins und freier Journalist.

© Universität Zürich,
Tuesday, 03-Aug-2004